DGSW Tagung 2016 – Rückblick

Am 05. November 2016 fand unsere zweite DGSW-Tagung mit über 70 Anmeldungen statt.

Fabian Kittel, Tagungsmoderator, klärt zunächst Ziele und Aufgaben der DGSW. Ein wesentliches Ziel der DGSW-Tagungen ist es, über aktuelle Themen und Ausrichtungen der Deutschen Gesellschaft für Systemisch-Humanistische Beratung & Synergetische Wachstumsarbeit ins Gespräch zu kommen. Anschließend gibt es einen kurzen Überblick über die insgesamt vier Fachbeiträge zu den Themen ‚Paarberziehungen und Familiensysteme‘ auf der Basis Systemisch-Humanistischer Beratung & Therapie. Die vier Schwerpunktthemen werden aus diversen Perspektiven beleuchtet, reflektiert und diskutiert.

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Die Wünsche der Mitglieder stehen im Fokus unserer Verbandsinteressen. Entsprechend gab es nach der Mittagspause in vier Gruppen einen direkten Austausch über Erwartungen und Wünsche an DGSW. Alle AusbildungskandidatInnen und Mitglieder werden im Sinne eines ’survey-feedbacks‘ über die Anregungen und Vorschläge informiert.


Von symbiotischen zu erwachsenen Paarbeziehungen –
Es fing doch traumhaft an, was ging denn schief?

Detlef Barth

Wer kennt nicht den Zustand des Verliebtseins, das Gefühl, eins zu sein mit dem neuen Partner? Doch Verliebtheit ist wie eine genussvolle Droge, ein narkotisierender biochemischer Zustand, der den neuen Partner idealisiert, um den eigenen inneren Mangel (aus der Kindheit) nicht zu spüren.
Wir sagen ‚Ja‘ zum Partner, ohne uns darüber im Klaren zu sein, dass dieses ‚Ja‘ bedeutet, den anderen so zu nehmen, wie sie/er ist, ohne sie/ihn verändern zu wollen. Wer das schafft, ist nicht nur mit sich im Frieden, sondern desidentifiziert mit seinem Schmerzmuster und seinem Ego. Und diese beiden Faktoren (Schmerzmuster und Ego) sind wesentlich mitbeteiligt an den täglichen destruktiven Auseinandersetzungen. Liebe hingegen ist kein Gefühl, sondern ein ‚Bejahen‘ des anderen, eine gefühlvolle Haltung, die jeden Tag neu entdeckt und gelebt werden will. Liebe und Angriff passen nicht zusammen, auch wenn dieser Glaube in Beziehungen normal zu sein scheint.
Schmerz ist eine Form des ‚Nicht-annehmen-wollens‘, ein unbewusster Widerstand gegen das, was ist. Unser Schmerzmuster braucht Drama, Konflikte und Streit, um leben zu können. Kognitiv manifestiert sich Schmerz in Form von Bewertungen, emotional in Form von Negativität.

dave-tagung16Wurde anfangs durch die neue Partnerschaft dieser ‚alte‘ Schmerz durch das Gefühl der Verliebtheit (Drogenzustand) übertüncht, so kommt der Tag, an dem die Droge (Verliebtheit) nicht mehr wirkt. Der Partner wird nun als Ursache des aufkeimenden Schmerzes gesehen und für schuldig erklärt. Wie nähren wir unser Schmerzmuster? Mit Hilfe des Drama-Dreiecks, entweder in der Rolle eines Täters, Retters oder Opfers. Wir haben inneren Widerstand, uns vom Schmerz zu trennen, denn unser Schmerz gibt uns (mit Hilfe einer der 3 Rollen) Identität – besser gesagt ‚Ego-Identität‘. Unser Ego liebt den Vergleich (besser oder schlechter zu sein als andere), den Kampf, Konkurrenz, Hybris, etc.
Wie lautet die Lösung für diese Probleme? Desidentifikation! Und welche Identifikationen gilt es aufzuheben? Identifikation mit dem Verstand, indem du zum Beobachter der eigenen Gedanken wirst. Identifikation mit dem Schmerzmuster: Nimm es unter die Lupe und beobachte es. Achte auf erste Anzeichen von Missmut in dir. Nimm deine Gefühle in dir ganz bewusst wahr. Beobachte, wie du ggf. am Schmerz festhältst. Beobachte dein (zwanghaftes) Bedürfnis, an dein Leid, dein Unglück zu denken und darüber zu reden. Und last but not least: Identifikation mit dem Ego, indem du Konkurrenz, Hybris, Grandiosität, das Drama-Dreieck meidest.
Symbiotische Beziehungen sind charakterisiert durch die zuvor genannten problematischen Verhaltensweisen.
Was ist in erwachsenen Beziehungen anders? Beide Partner haben es aufgegeben, den anderen erziehen zu wollen, durchschauen, wenn etwas emotional schief läuft, ihren Einstieg ins Drama-Dreieck und steigen recht schnell wieder aus, machen sich ihren Anteil an dem potenziellen Konflikt deutlich, übernehmen für ihren Anteil Verantwortung, bemühen nicht oder nur selten die Vergangenheit, denn je mehr wir in der Lage sind, das Hier und Jetzt anzuerkennen, desto weniger leiden wir, verleihen ihren Gefühlen freien Ausdruck ohne Schuldzuweisungen, haben die Idee vom ‚idealen Partner‘ aufgegeben. Und vor allem: Beide Partner bemühen sich, das unbewusste Verhalten des anderen nicht zu konfrontieren, denn … dadurch wirst du unbewusst und haben verstanden, dass eine Beziehung nicht dazu da ist, den anderen glücklich zu machen und durch den anderen Erfüllung zu finden, sondern einzig und allein bewusster zu werden. Wenn du deinen Partner auf mögliches Fehlverhalten hinweist, dann ohne Einmischung deines Egos, also: ohne Vorwurf, Beschuldigung, heimlichen Erziehungsauftrag. Schließen möchte ich diesen Beitrag mit dem Appell der Friedensnobelpreisträgerin von 1979, Mutter Teresa von Kalkutta.
„Die Leute sind unvernünftig, unlogisch und selbstbezogen, liebe sie trotzdem. Wenn du Gutes tust, werfen sie dir egoistische Motive und Hintergedanken vor, tue trotzdem Gutes. Wenn du erfolgreich bist, gewinnst du falsche Freunde und echte Feinde, sei trotzdem erfolgreich. Wenn du ehrlich und offen bist, mögen dich Menschen betrügen, sei trotzdem ehrlich und offen. Wenn du heiter und glücklich bist, mögen die Menschen neidisch sein, sei trotzdem glücklich. Was du in jahrelanger Arbeit aufgebaut hast, könnte jemand über Nacht zerstören, baue trotzdem. Das Gute, das du heute tust, wird morgen vergessen sein, tue trotzdem Gutes. Gib der Welt dein Bestes, und wenn es auch nie genug ist, gib der Welt trotzdem dein Bestes, das du auch bekommen hast.“

Literaturhinweise zu den Themen ‚Ego, Schmerzmuster bzw. Lieblingsgefühle‘:
Barth, Detlef (2014): Die Kunst der professionellen Begleitung von Entscheidungs- und Wachstumsprozessen. Schriftenreihe des LCS-forum.net
Tolle, Eckhart (2005): Eine neue Erde. Bewusstseinssprung anstelle von Selbstzerstörung


Weil auch die Liebe Pflege braucht.

Thomas Bader

Liebe und Partnerschaft auf Dauer

In Anlehnung und tiefem Dank an Hans Jellouschek
Die Wertigkeit von Liebesbeziehung haben in der heutigen Zeit grundlegend verändert. Wir messen heute Liebesbeziehungen einen sehr hohen Stellenwert bei.

thomas-bader_tagung16Einen Stellenwert, der für unser persönliches Glück maßgeblich ist. Wir stellen hohe Ansprüche an die subjektiv empfundene Qualität unserer Beziehungen, ohne recht zu wissen was diese Qualität eigentlich ausmacht oder wie man sie wirklich erreichen kann. „Und nicht ist die Liebe gelernt“ schrieb Rainer Maria Rilke einst. Die folgenden Punkte sollen helfen, unsere Beziehungen zu stärken und zu verbessern.

  1. Pflegen Sie eine gute Kommunikation. Was gefällt uns wirklich gut am anderen? Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf das Positive und benennen Sie es auch. Wir alle brauchen Wertschätzung und Bestätigung ein Leben lang. Mit diesem Fundament begegnen Schwierigkeiten gestärkter.
  2. Sorgen Sie dafür, dass es fair zugeht. Wenn einer der beiden auf Dauer schlechter wegkommt und unzufrieden wird, ist die Beziehung gefährdet. Polaritäten, wie Autonomie und Bindung, Führen und Folgen etc. brauchen auf Dauer einen Ausgleich
  3. Schaffen Sie Räume für Intimität. Berufs- und Familienleben nehmen uns enorm in Anspruch, so dass kaum Zeit für Zweisamkeit bleibt. Planen Sie Zeit dafür ein. Zeit, die nur dem Paar gehört. Akzeptieren Sie, dass sich Sexualität ändern kann. Von einer eher leidenschaftlich geprägten zu einer Sexualität der Zugehörigkeit.
  4. Lernen Sie Verletzungen wieder gut zu machen. Zum Vertragen gehört das Anerkennen der Verletzung beim Anderen, das Einräumen des eigenen Fehlverhaltens und das Verzeihen. Falscher Stolz verhindert Versöhnung eher. Tugenden wie Demut und Hingabe sind eher förderlich.
  5. Pflegen Sie Alltagsritual. Gemeinsamkeiten stärken. Ein gemeinsamen Spaziergang, ein Paarwochenende, Beziehungstage usw. Schaffen Sie sich kleine Inseln im Strom des Alltags.
  6. Sehen Sie Krisen als Chancen. Fragen Sie sich “ Zu welcher Entwicklung fordert uns diese Krise heraus?“ Bei vorhersehbaren Krisen und Veränderungen, können Sie schon im Vorfeld aktiv werden. Wenn das Paar zur Familie wird, wenn die Kinder ausziehen, wenn wir Rentner werden….
  7. Schaffen Sie sich gemeinsamen Sinnquellen. Sinn Erfahrungen kommen vom aktiven tun. Engagieren Sie sich gemeinsam für etwas, planen Sie gemeinsam Ihre Zukunft, finden Sie ein gemeinsames „drittes“ auf das Sie mit Freude gemeinsam schauen können.
    Eine gelingende Partnerschaft kann ein lebendiger und wachsender Prozess sein, für beide, als Partner und als Individuen.

Konstruktiver Paardialog zur Konfliktbewältigung.

Nando Dowe

So nimmt man dem Mann die Angst vor den Worten „Lass uns über unsere Beziehung reden“ und zeigt alternative Wege zur Konfliktbewätltigung.


Themen und Herausforderungen in der Paar- und Familienbeziehungen

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Jutta Barth

Themen, die Einfluss und Auswirkungen auf die Paarbeziehung haben, wurden in Form einer Aufstellung aktional dargestellt:

  • Kommunikation (Double-Binds u. hierarchische Kommunikation)
  • Die „eigene Lebensgeschichte“  (Krankheit, Sucht, akzentuierte Persönlichkeitsentwicklung oder Traumatisierung eines Partners)
  • Paare als Schicksalsgemeinschaft (Paare finden sich offenbar unbewusst als Schicksalsgemeinschaften: komplementär, kongruent oder transgenerational)
  • Offene Themen aus der Paargeschichte (ausgeschlossen frühere Partner, Kinder aus früheren Beziehungen, verschwiegene Abtreibungen, Tot- u. Fehlgeburten, Außenbeziehungen)
  • Offene Themen aus den Herkunftsfamilien
    • Stellvertretungsthemen im Sinne der Familienbiografik
    • Fehlende oder verschwiegene Elternteile oder (Halb-)Geschwister, auch verlorene Zwillinge
    • aus der Kindheit übernommene Wünsche, Forderungen oder Vorwürfe gegenüber den Eltern

DGSW-Tagung 2016

Dieses Gruppenfoto zeigt einige Ausbildungskandidatinnen der jüngst konstituierten Ausbildungsgruppe (A 8).

Wir bedanken uns bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern der DGSW-Tagung 2016 für ihre konstruktiven Beiträge, ihr großes Interesse und die positiven Rückmeldungen in der Abschlussrunde.

Wir blicken voller Vorfreude auf die DGSW-Tagung 2017 und sagen vorab ‚Danke‘ für weitere Anregungen und Feedback an info@dgsw.info !

Das DGSW-Team