Archiv der Kategorie: Revolution des Herzens

Wir können lernen, dem hektischen Alltag bewusst zu begegnen. Dieses Buch will dem Leser auf seinem Weg zur Bewusstheit begleiten und ihm Anregungen vermitteln, wie er seinen Weg zur Selbstwerdung finden kann.

1. Ansätze für mögliche schizoide Entwicklungen

Die früh-orale Kindheitsphase umfasst die ersten sechs Lebensmonate und aus ihr können sich mögliche schizoide Entwicklungen ergeben.

Zum Zeitpunkt der Geburt ist das Baby, psychologisch betrachtet, nichts anderes als ein „Bedürfnisknubbel“. Es schreit, wenn es sich unwohl fühlt (Hunger, Durst, Kälte, Dunkelheit etc.), spielt selbstgenügsam mit seinen Extremitäten oder freut sich über die Gegenwart eines Spielzeugs oder auch der Eltern. In diesem Stadi-um (O – 6. Lebensmonat) befindet sich das Baby in der sogenannten „früh-oralen“ oder auch „schizoiden“ Phase. Es ist die Phase, in der es entweder Ur-Vertrauen oder Ur-Mißtrauen entwickelt, je nachdem, welche elterlichen Botschaften (Ein-schärfungen) das Baby vor allem durch den Blickkontakt mit der Mutter oder Er-satzmutter verinnerlicht. Werden in diesem Alter bestimmte  elterliche Einschär-fung „akzeptiert“, weil es  Ähnlichkeiten gibt zu der eigenen anlagemäßigen Struktur, dann werden  Überlebensentscheidung getroffen, d.h. das Kind „ent-scheidet“ sich für die eine oder andere Botschaft, um Katastrophaleres abzuwen-den. Die Summe aller Überlebensschlußfolgerungen legen dann den Bezugsrah-men fest. Der Betreffende organisiert jetzt sein Leben gemäß frühkindlich ge-troffener Überlebensstrategien, die ein lebendiges und fröhliches Leben durchaus verhindern können.

Im ersten Lebensjahr ist es für ein Kind besonders wichtig, eine annehmbare und vertrauenserweckende Umwelt vorzufinden, um sich geborgen fühlen zu können.  Du brauchtest ein angemessenes Maß an stimulierenden Reizen gleichermaßen wie wohltuende Ruhe. Wenn du einen stabilen anregungsreichen Rahmen vorge-funden hast, der auch zärtliche Berührungen deines Körpers eingeschlossen hat, waren deine Bedingungen für eine gelungene Entwicklung gut und du konntest dich vertrauensvoll der  Umwelt zuwenden und dein Ich stärken. Bei der nicht gelungenen Entwicklung mißtraut  das Kind seiner Umwelt. Es lernt, psychisch zu überleben, indem es sich ängstlich und irritiert vor der Welt verschließt, weil die erlebte Welt „leer“ war, also keine Anregungen mit sich führte oder überhäuft war an Reizüberflutung.  Vielleicht fehlte die Stabilität der Um- welt, war die Umwelt zu unruhig oder überfordernd. Vielleicht wurde das Kind auch zu früh von seiner Mutter getrennt (Klinikaufenthalt, Verlust der Mutter) oder es fand eine Mutter vor, die sich lieblos, ablehnend und gleichgültig verhielt.

Um zu überleben, mußte das Kind aus der notvollen Erfahrung der Leere oder der Reizüberflutung seiner Welt eine Tugend machen, und es lernte, sich vor der Welt zu verbarrikadieren, indem es sich  zurückzog. Weil es keine Wärme und Gebor-genheit fühlen konnte, wurde es um seine Daseinsberechtigung betrogen. Es konnte weder Sicherheit in der äußeren Welt noch in sich selbst finden. So ent-stand das Lebensgefühl, auf dünnem Eis zu stehen und vom Einbrechen bedroht zu sein. Aus dieser Erfahrung heraus müßte das Kleinkind versuchen, sich unver-letzlich zu machen.

Dazu Fritz Riemann:
„Wie kann man sich unverletzlich machen? Offenbar indem man sich gefühlsmä-ßig nicht mehr erreichen läßt, indem man gleichsam mit einer Tarnkappe uner-kannt und anonym durch die Welt geht. Man legt sich eine glatte Fassade zu, hin-ter die niemand blicken kann, so daß andere nie wissen, woran sie mit einem sind. Soweit dennoch Gefühle nicht vermeidbar sind, entwickelt man die Fähigkeit, sie bewußt zu steuern, zu dosieren.    Man reflektiert sie also und lernt es, sie bewußt zuzulassen oder abzustellen, wird sich ihnen aber keinesfalls spontan überlassen, denn das könnte gefährlich werden“ Und an anderer Stelle: „Die Folge aller be-schriebenen Störungen ist jedenfalls, daß das Kind sich von Beginn an gegen die Welt wehren und vor ihr schützen muß, oder von ihr enttäuscht wird. Wenn es draußen keinen adäquaten Partner findet, greift es auf sich selbst zurück, nimmt sich selbst zum Partner, und vollzieht den Schritt von sich weg auf das Du hin un-zureichend.“

Das Selbst eines solchen Menschen ist nicht nur ungenügend entfaltet, es ist  in sich gebrochen. So trennt es sein Selbst von der Welt, sein Ich vom Du, sein Füh-len vom Denken.
Die wichtigste Botschaft, die jedem Kind vor allem in dieser Phase zuteil werden sollte, lautet: Es ist schön, daß es dich gibt.

Lege an dieser Stelle eine Lesepause ein und laß den Satz auf dich wirken. Spüre nach, inwieweit dieser Satz dich gefühlsmäßig bewegt und schreibe dir dann all die Dinge auf, die dir zu diesem Satz eingefallen sind.

Doch nicht alle Menschen haben die Erlaubnis, Leben zu dürfen, verbal oder non-verbal bekommen. Der Mensch mit schizoider Persönlichkeitsstruktur hat statt-dessen Ablehnung, Ignoration oder gar Verachtung  erfahren, entweder real oder in der Phantasie.  Das kleine, hilflose und der Mutter vollkommen ausgelieferte Baby sucht mit seinen Augen Halt, Geborgenheit und Sicherheit. Doch stattdes-sen wird ihm Ablehnung zuteil. Das Baby reagiert mit Angst. Es befürchtet zu sterben, weil es in dieser Familie eine Reihe lebensverneinender Botschaften ver-spürt, allen voran die Botschaft: Lebe nicht; es ist besser, du wärest nicht geboren worden! Diese vernichtende Botschaft wird in der Regel begleitet von dem Verbot, das zu fühlen, was es fühlt, nämlich vor allem Wut gegen die haßerfüllte Mutter. Diese Mütter haben als Kinder in der Regel eine ähnliiche Situation durchge-macht und nie lernen können, ihre eingefrorene  Liebe (und Haß ist nichts ande-res) wieder aufzutauen. Denn auch sie durften nicht: existieren, Bedürfnisse ha-ben, fühlen, nahe sein, dazugehören, denken und Vertrauen entwickeln. So geben jene Mütter und auch Väter ihre Basisangst, nicht existieren zu dürfen, an ihre Kinder unbewußt weiter.

Je nach anlagemäßiger Struktur hat das Baby nun zwei Möglichkeiten: die Situa-tion regressiv ( in der Hemmung verharrend) oder progressiv (auf Kompensation ausgerichtet) zu bewältigen. Die regressive Lösung geht einher mit Flucht in den Rückzug und geschieht mit Hilfe von Anpassung an die gegebenen Umstände; die progressive mit Flucht nach vorne mittels Identifikation mit dem zerstörerischen Elternteil.

So kann die regressive Lösung lauten: Ich kann diese Situation nur in einem ver-rücktem Zustand ertragen; ich werde ein diabolisches Ungeheuer und bleibe stets passiv; da ich niemandem trauen kann, muß ich alles kontrollieren, einschließlich meiner Gefühle und Bewegungen. Unsere Psychiatrien sind voll von Menschen mit regressiv-schizoider Lösung. Anders hingegen die progressive Lösung, die zwar auch eine Hemmung in der Entwicklung darstellt, aber den Betreffenden sozial akzeptabler erscheinen läßt. Beide Lösungsformen versuchen überwertig das Leben über den Geist zu meistern: der Regressive, indem er geist-los wird und sich im Extremfall in Wahnideen und andere schizophrene Formen (Katatonie, Stupor) flüchtet; der Progressive, indem er sich dem Glauben und der Aufgabe verpflichtet, das Leben eines Heiligen, eines Engels oder eines Genies zu führen. So trifft man diese Menschen als komische „Käuze“ an abgelegenen Orten, als Eremit, als zurückgezogenen und scharf denkende und zum Funktionalismus neigende Wissenschaftler, als Satiriker und Kritiker etc. Sie haben gelernt, sich abzugrenzen und allein sein zu können. Ihr Gefühlsleben ist verhalten, doch da-für sind sie umso sensibler. Ihre Sensibilität verstecken sie häufig hinter einer sachlich-kühlen, kritischen und ironischen, aber doch witzigen Art. Ihre differen-zierte Intelligenz gepaart mit scharfer Beobachtungsgabe befähigt sie, die Dinge des Lebens so zu sehen wie sie sind, ohne Schnörkel, ohne Sentimentalität. Kör-perlich fallen sie auf durch ungelenkige und kontraktierte Bewegungen. Das Ge-sicht ist oft maskenhaft, die Augen kontaktarm. Ihre energetischen Blockaden sind im Kopf, in den Augen und im Herzen zu suchen. Da sie ihr Herz verständli-cherweise schon sehr früh verschließen mußten, neigen sie zu einer ausgeprägten, aber oft herz-losen Sexualität. Der Schizoide ist ein Mensch, der sich autonom verhält, ohne wirklich autonom zu sein, denn  nur der kann autonom sein, der sich weder kaltherzig distanziert noch in Selbstaufgabe sich unterwirft und ver-zweifelt die symbiotische Einheit sucht.
Sie tendieren dazu, sich ihr Leben so einzurichten, daß sie diese Ablehnung im-mer wieder provozieren. Hierdurch bestätigen sie sich das, was sie schon immer über sich, andere und die Welt glaubten zu wissen, nämlich keine Existenzbe-rechtigung zu haben. Wird dieser Glaubenssatz, keine Existenzberechtigung zu haben, in den Bezugsrahmen aufgenommen und  zum Lebensstil erhoben, dann werden sehr häufig nur noch die Informationen vom Bezugsrahmen akzeptiert, die diesen Glaubenssatz bestätigen.

entnommen aus: Detlef Barth & Burghard Bierhoff; Revolution des Herzens (1989); Auszug 2

Wie wir zu dem wurden, der wir sind

Die Antworten auf die Frage, wie die innere Welt des Erlebens, die sogenannte Erlebniswirklichkeit, in uns entstanden ist, fallen – je nach wissenschaftlicher Orientierung –  unterschiedlich aus.

Deshalb wollen wir nicht versäumen, unseren eigenen Standpunkt kund zu tun und die Argumente der verschiedenen Wissenschaftsrichtungen, die uns plausibel erscheinen,  aufzuzeigen.

Aus tiefenpsychologischer Sicht wird der Mensch häufig als ein Produkt seiner „Umwelt“ und seiner „Anlagen“ gesehen, wobei der Faktor „Umwelt“ nur im Rahmen der begrenzten Möglichkeiten (Anlage) differenzierend, einschränkend oder erweiternd zur Geltung kommen kann (M. Muck).
Das bedeutet: Jedes Kind bringt von Geburt an bestimmte Anlagen (Triebansprüche, Motorik, Sensorik) mit, die durch die Interaktion mit seinen Bezugspersonen (Mutter, Vater, Tante etc.) gehemmt oder gefördert werden. Das heißt aber auch, daß je nach Anlage (z.B. Temperament) die Bezugspersonen vor unterschiedliche Aufgaben gestellt werden. Kind und Bezugsperson beeinflussen sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten (Anlagen).
So durchläuft jedes Kind mit seiner Anlage, die nach Verwirklichung drängt, bestimmte psychologische Entwicklungsphasen, in denen es durch hemmende Interaktionsmuster seitens der Eltern zu psychischen Störungen kommen kann. Werden unnötige Einschränkungen vom Kind akzeptiert und zum Lebensmuster gemacht, dann spricht man von einer Fixierung, die entweder einen mehr regressiven (Flucht nach hinten) oder mehr progressiven (Flucht nach vorne) Charakter annehmen kann. Ist das Kind regressiv fixiert, kann man davon ausgehen, daß es sich entschieden hat, elterlichen Wünschen und Erwartungen in bestimmten Bereichen passiv zu entsprechen. Es hat sich dem Druck der Eltern oder Ersatzeltern gebeugt und sich der Situation angepaßt. Zurück bleiben spezielle Hemmungen, an denen der Betreffende bis an sein Lebensende leiden kann. Regressiv fixierte Menschen tendieren dazu, vor allem in Streßsituationen, eine Opfer-Rolle einzunehmen. Sie fühlen sich stets schuldig, im Gegensatz zu den progressiv Fixierten, die zwar auch in ihrer Entwicklung gehemmt wurden, aber diese Hemmung  aktiv zu kompensieren verstanden, indem sie sich durch Identifikation mit einem Elternteil oder auch beiden  arrangiert haben. Als Jugendliche und auch Erwachsene nehmen diese Menschen eher die Rolle eines „Retters“ oder auch „Verfolgers“ ein. Doch alle drei Rollen  stehen in engem Zusammenhang mit dem, was wir schon immer über uns, andere und die Welt phantasiert haben.

Merke: Wir schaffen uns mit Hilfe eines bestimmten Bezugsrahmens die Vorstellungen und Bilder von dieser Welt.  Doch einmal erschaffen, ergreifen sie allzu oft Besitz von uns, da jeder Gedanke bestrebt ist, Gestalt anzunehmen.

Der Bezugsrahmen ist sozusagen die Nahtstelle zwischen Innen- und Außenwelt und filtert alle von außen  kommenden Informationen, Impulse und Einflüsse mit Hilfe einer „privaten“ Psycho-Logik, die nicht nach mathematischen Gesetzmäßigkeiten arbeitet, aber interessanterweise gesetzmäßig verlaufen kann, wie wir noch sehen werden.
Jeder Mensch hört und sieht  nur das, was er gemäß seiner Erlebniswirklichkeit  hören und sehen will. Das bedeutet auch: du bist es, der darüber entscheidet, welche Informationen du in deinen Bezugsrahmen hereinläßt und welche nicht.
Während die Funktion einer Psycho-Logik, den Bezugsrahmen zu schützen, auch im Einzelfall noch recht durchschaubar und nachvollziehbar ist, gibt es auch unter Wissenschaftlern keine Einigkeit darüber, wie die Struktur eines Bezugsrahmens bestimmt wird. Die biologistisch ausgerichteten Wissenschaftler gehen davon aus, daß Gene und Chromosomen die Organisation eines Bezugsrahmens festlegen. Hingegen glauben die meisten sozialwissenschaftlich orientierten Wissenschaftler an die Milieutheorie, die den  Menschen als Produkt seiner Umwelt betrachtet. Wieder andere bevorzugen eine Sowohl-als-auch-Perspektive, die das Zusammenspiel von biologischer Anlage und Einflüssen der Umwelt berücksichtigt. Darüber hinaus gibt es (mehr im vorwissenschaftlichen Feld angesiedelt) die Auffassung von der Karma-Theorie, wonach der Mensch weder das Produkt seiner Gene noch das Produkt seiner Umwelt ist, sondern das Produkt seiner vorgeburtlichen Handlungen. Genstruktur und Umweltbedingungen werden dann lediglich als Manifestationen früherer Handlungen aufgefaßt. Wir werden im Laufe des Buches auf die unterschiedlichen Vorstellungen zu sprechen kommen. Doch zunächst soll uns mehr die Frage interessieren, nach welchen Gesetzmäßigkeiten eine Psycho-Logik arbeitet.
Jeder Mensch verfügt also über einen bestimmten Bezugsrahmen, aus dem heraus er sich, andere und die Welt wahrnimmt. Dieser Bezugsrahmen umfaßt vier „Erlebniswirklichkeiten“, die in ihrer dominanten Ausprägung abhängig sind von Fixierungen in bestimmten entwicklungspsychologischen Phasen, die jeder Mensch durchlebt. Die Aktivierung einer Erlebniswirklichkeit ist personen- und situationsabhängig. Je nach dem, welcher Mensch uns in welcher Situation begegnet, reagieren oder agieren wir aus einer mehr schizoiden, depressiven, zwanghaften oder hysterischen Erlebniswirklichkeit. Alle diese Erlebnisthematiken sind – mehr oder weniger ausgeprägt – Teil einer jeden Persönlichkeit. Aufgrund unserer Erfahrungen gehen wir davon aus, daß ein Mensch nicht nur über eine Charakterstruktur verfügt. Vielmehr scheint es so zu sein, das sich mehrere Charakterstrukturen überlagern und durchdringen. Bei den meisten Menschen konnte sich die eine oder andere Erlebniswirklichkeit  aufgrund lebensgeschichtlicher Erfahrungen nicht voll entwickeln. Es bedarf einer „Nach-Sozialisation“ (Schmidbauer), in der die nur schwach entwickelten Impulse in der Aus-ein-ander-setzung mit anderen Menschen und den damit verbundenen Ängsten gelebt und integriert werden können.

Nochmals: Wie ein Mensch denkt, fühlt und handelt, ist im wesentlichen abhängig von seinem Charakter. Hier liegen sowohl die gesellschaftlichen Anforderungen begründet als auch deine individuellen Beschränkungen und Möglichkeiten. Dein Charakter ist entstanden, indem deine Bezugspersonen dir auf eine bestimmte Art und Weise begegnet sind. Sie haben dir vermittelt, wie die Welt auf dich reagiert und welche Reaktionen die Welt von dir erwartet. Dabei haben sich deine Bezugspersonen auf bestimmte Werthaltungen gegründet, wie z.B.: „Das tut ein liebes Kind nicht“. Erziehung bestand wesentlich aus Ermahnungen, Geboten und Verboten, die wir als Kind über uns ergehen lassen mußten. All diese Einflüsse, die uns von außen bestimmt haben, sind – in Verbindung mit unserer genetischen Anlage- in unseren Charakter umgesetzt worden.

Wenn wir sagen, wir verhalten uns unserem Charakter gemäß, dann heißt das zugleich, daß wir die gesellschaftlichen Ansprüche erfüllen, z.B. in Bezug auf Pünktlichkeit und Genauigkeit in der Arbeit. Wie wir aus Berichten über Entwicklungsländer wissen, sind diese uns selbstverständlichen „Grundtugenden“ keinesfalls auch in anderen Kulturen ebenso selbstverständlich, weil sie den natürlichen und kulturellen Bedingungen des Lebens dort nicht entsprechen. Sich dem Charakter gemäß zu verhalten, bedeutet, mit dem Gefühl von Freiheit und Selbstverständlichkeit etwas zu tun, was an die gesellschaftlichen Verhältnisse angepaßt ist und ihr Funktionieren vorteilhaft unterstützt.  Während in unserer Gesellschaft etwa Pünktlichkeits- und Genauigkeitsnormen selbstverständlich (da charaktergemäß) sind, haben diese Normen in einer anderen Kultur (siehe Indien) keine Gültigkeit oder keinen hohen Verbindlichkeitsgrad, so daß sie nicht im Charakter der Gesellschaftsmitglieder verankert sein müssen. Charakter ist somit ein  gesellschaftliches, interaktives und individuelles Phänomen.
Die  Kenntnis der verschiedenen Erlebniswirklichkeiten kann dir dabei behilflich sein, eigene Stärken und Schwächen zu erkennen und zu lernen, die bislang unterdrückten und verdrängten Teile in dir wieder lebendig werden zu lassen. Auch hier gilt: Es kann nicht darum gehen, vollkommen zu werden. Lerne vielmehr, dich in deiner Unvollkommenheit anzunehmen. Diese Selbstannahme ist eines der höchsten Ziele menschlicher Selbstwerdung. Sei dir ferner darüber im Klaren, daß alle vier Grundtypen Stärken und Schwächen aufweisen, wenn es darum geht, das tägliche Leben zu meistern.
Darüber hinaus ist die Präsentation bestimmter Charakteranteile abhängig von der Charakterstruktur des anderen und der Situation. Deshalb ist es wenig sinnvoll zu sagen, jemand habe einen schizoiden oder depressiven Charakter. Angemessener erscheint uns die Aussage, jemand reagiert in einer bestimmten Situation, bei bestimmten Menschen schizoid oder depressiv. Ferner sind diese vier Charaktertypen idealtypisch. In der Realität treffen wir mehr den Mischtypus an.  Das heißt, fast jeder Mensch hat etwas vom schizoiden oder vom depressiven, vom zwanghaften oder hysterischen Charakter. Schließlich gibt es gesundende und produktive Tendenzen in diesen Charaktergrundtypen, neben krankmachenden und unproduktiven. Es kann aber auch ein Grundtyp in dem Charakter eines Menschen überwiegen, d.h. ein bestimmter Mensch wird in seinen Lebenssituationen z.B. gehäuft schizoide oder depressive Züge an den Tag legen. Ein Mensch, der die produktiven Anteile aller Charaktertypen in sich vereinigt, ließe sich jedoch keinem der Typen zuordnen. Er wäre eine Verkörperung des produktiven Ideals, das heißt, er hätte in allen Lebenssituationen Alternativen für seine Reaktionen, für seine Aktionen zur Verfügung und wäre für seine Umgebung kein berechenbarer Untertan. Ein solchermaßen produktiver Mensch hat die zentralen Aufgaben und Anforderungen, die in der menschlichen Existenz begründet sind, weitgehend gelöst.
Wenn man sagt, ein Mensch habe einen bestimmten Charakter, z.B. jemand sei in vielen seiner Lebensäußerungen depressiv und diese Äußerungen entsprächen seinem Charakter, so bringt man gleichzeitig zum Ausdruck, daß dieser Mensch nicht vollständig ist, daß ihm also andere Äußerungsformen fehlen. So mag ein depressiver Mensch die Fähigkeit zur aufopfernden Hingabe zeigen und ihm die Fähigkeit, nein zu sagen, fehlen. Ein jeder Mensch, der nicht „ganz“ ist, also nicht über Formen der Lebensäußerung in allen Richtungen verfügt, wie sie in der Charakterlehre Riemanns aufgeführt sind, ist von seinem Charakter her ein verhinderter Mensch. Er hat die Ganzheit verloren.

Wie kommt es nun dazu, daß der Mensch mit einem „Charakter“ seine Ganzheit verloren hat bzw.  einseitig geworden ist?  Welche lebensgeschichtlichen Ereignisse haben unseren Charakter bestimmt? Wie kommt es  zu solchen Entscheidungen, die oftmals auch „Überlebens-Entscheidungen“ waren und dich als Erwachsenen zu irrationalen und unverständlichen Verhaltensweisen bewegen? Doch zunächst ist es einmal wichtig zu wissen:
Für deine Charakterbildung sind nicht nur die lebensgeschichtlichen Ereignisse wichtig und bestimmend, sondern auch deine Anlagen, die insbesondere  deine  Konstitution und dein Temperament festlegen, was wiederum Auswirkungen haben kann auf die Art und Weise der Kommunikation zwischen dir und deinen Bezugspersonen. Die lebensgeschichtlichen Ereignisse erhalten erst auf dem Hintergrund der Anlage ihren Stellenwert für die Bildung des Charakters. Wir wollen uns im folgenden jedoch auf die Umweltbedingungen konzentrieren, die eine Charakterbildung in bestimmter Richtung einleiten. Dabei beziehen wir uns auf die Erkenntnisse verschiedenen Autoren (W. Reich, A. Lowen, F. Riemann) und erweitern deren Aussagen um eigene Erkenntnisse und Erfahrungen.
In Anlehnung an die genannten Autoren gehen wir von folgenden Kindheitsphasen aus:
1. Der früh-oralen, die die ersten sechs Lebensmonate umfaßt und Ansätze für mögliche schizoide Entwicklungen beinhaltet;
2. Der oralen Phase, die vom 6. bis zum 18. Lebensmonat durchlebt wird und Ansätze für mögliche depressive Entwicklungen bietet;
3. Der analen Phase, die vom 18. Lebensmonat bis zum vierten Lebensjahr andauern kann und Ansätze für mögliche zwanghafte Entwicklungen enthält;
4. Der ödipalen Phase, die das vierte  bis sechste  Lebensjahr umfaßt und Ansätze für mögliche hysterische (bezieht man mehr auf Frauen) bzw. phallisch-narzißtische (bezieht man mehr auf Männer) Entwicklungen zuläßt.

Wir werden die Grunderfordernisse der verschiedenen Lebensphasen beschreiben und auf die gelungene wie auch die nicht gelungene Entwicklung eingehen.

entnommen aus: Detlef Barth & Burghard Bierhoff; Revolution des Herzens (1989); Auszug 1